Kategorie: SAP & KI

  • Vom offenen Scheunentor zum abgesicherten MCP-Server: KI-gestützte ABAP-Entwicklung mit ARC-1

    KI-Assistenten wie Claude können inzwischen richtig gut ABAP. Was ihnen fehlt, ist der Zugang zum System: lesen, suchen, aktivieren, am besten direkt über die ADT-Schnittstelle, die auch Eclipse benutzt. Die Brücke dafür heißt MCP (Model Context Protocol, ein offener Standard, über den KI-Clients mit Werkzeugen sprechen). Solche Brücken gibt es als Open Source. Die Frage ist nicht, ob das geht. Die Frage ist, wie kontrolliert.

    Genau daran bin ich beim ersten Anlauf fast gescheitert. Hier die ganze Geschichte, inklusive der Stellen, an denen ich mir an die Stirn gefasst habe.

    Runde 1: Es funktioniert. Und genau das ist das Problem.

    Der Plan: ein zentraler MCP-Server auf einer frischen Debian-Kiste, damit nicht jeder Entwickler lokal sein eigenes Setup pflegt. Installiert war der erste Kandidat schnell, ein Node-basierter ADT-MCP-Server, per npm auf den Server, HTTP-Modus an, Port gebunden, Verbindung zum SAP-Entwicklungssystem stand.

    Dann der Moment, in dem ich auf den laufenden Endpoint geschaut habe: keinerlei Client-Authentifizierung. Nicht falsch konfiguriert, sondern schlicht nicht vorgesehen, das Werkzeug ist als lokales Entwicklertool gebaut. Im LAN bedeutete das: Jeder, der die URL kennt, arbeitet mit vollen Entwicklerrechten auf dem SAP-System. Eine Tür ohne Schloss.

    Der erste Reparaturversuch klang clever: Die SAP-Credentials aus der Server-Konfiguration streichen und vom Client pro Request mitgeben. Dabei bin ich prompt in eine Denkfalle getappt: Umgebungsvariablen aus der Client-Konfiguration erreichen einen Remote-Server nie, die wirken nur bei lokal gestarteten Prozessen. Der einzige Kanal wären HTTP-Header gewesen. Und damit lägen die SAP-Passwörter wieder auf jedem Laptop und wandern bei jedem Request übers Netz. Genau davon wollte ich weg. Verworfen.

    Runde 2: ARC-1, oder: Sicherheit als Werkseinstellung

    Die Lösung kam mit ARC-1, einem Open-Source-MCP-Server für SAP-Systeme, der von vornherein für den Firmeneinsatz gebaut ist. Drei Eigenschaften haben mich überzeugt:

    Erstens verweigert er im HTTP-Modus schlicht den Start, wenn keine Authentifizierung konfiguriert ist. Zweitens ist ab Werk alles auf nur lesen gestellt, jede weitere Fähigkeit (schreiben, Tabellen ansehen, Transporte) ist ein einzelnes, bewusstes Opt-in. Drittens wird jeder Tool-Aufruf mit Personenzuordnung protokolliert. Kostenpunkt: 0 Euro Lizenz, läuft als Docker-Container.

    Das Architekturmodell dahinter ist der eigentliche Aha-Moment: zwei getrennte Anmeldungen. Hop 1 (Client zu ARC-1) läuft über persönliche API-Keys mit Rollenprofil, mein Key darf entwickeln, der meiner Kollegin erst mal nur lesen. Hop 2 (ARC-1 zu SAP) läuft über einen technischen SAP-User, dessen Passwort nur auf dem Server liegt. Kompromittierter Laptop? Ein Key wird gesperrt, das SAP-Passwort bleibt unberührt. Effektiv gilt: Server-Regeln UND Key-Profil UND SAP-Berechtigung müssen alle drei ja sagen.

    Die Compose-Datei dazu passt auf einen Bildschirm:

    services:
      arc1:
        image: ghcr.io/arc-mcp/arc-1
        restart: unless-stopped
        ports:
          - "127.0.0.1:3000:8080"
        environment:
          SAP_TRANSPORT: http-streamable
          SAP_URL: https://srv-sap01:44300
          SAP_CLIENT: "100"
          SAP_USER: <TECH_USER>
          SAP_PASSWORD: <PASSWORT>
          SAP_INSECURE: "true"
          ARC1_API_KEYS: "<KEY_1>:developer,<KEY_2>:viewer"

    Der Abend der kleinen Fehler

    Klingt glatt? War es nicht. Drei Stolperer in einer Stunde, alle lehrreich.

    Stolperer eins: curl http://localhost:3000/health antwortete mit Connection reset. Der Container lief, die Logs waren makellos, SAP-Preflight grün. Des Rätsels Lösung stand in der Ausgabe von docker ps: Das Port-Mapping zeigte auf 3000->8000 statt 3000->8080. Eine vertippte Ziffer, und die Requests liefen ins Leere. Der Debug-Trick, den ich mir gemerkt habe: docker compose config zeigt, was Compose wirklich geparst hat, nicht was man zu editieren glaubt. In meinem Fall bearbeitete ich nämlich zwischenzeitlich die falsche Datei, denn Compose bevorzugt compose.yaml vor docker-compose.yml, wenn beide herumliegen.

    Stolperer zwei: Claude Desktop unter Windows. Die Brücke mcp-remote (nötig, weil Desktop remote nur über einen lokalen Stellvertreterprozess spricht) hat gleich zwei Windows-Eigenheiten. npx lässt sich nicht direkt starten, es braucht die cmd /c-Klammer. Und Leerzeichen in Header-Argumenten werden beim Durchreichen zerlegt, der Authorization-Header kam kaputt an. Der Workaround: Header ohne Leerzeichen schreiben und den Wert über eine Umgebungsvariable einschleusen.

    "arc1": {
      "command": "cmd",
      "args": [
        "/c", "npx", "-y", "mcp-remote",
        "https://192.0.2.10/mcp",
        "--header", "Authorization:${AUTH_HEADER}"
      ],
      "env": {
        "AUTH_HEADER": "Bearer <API_KEY>",
        "NODE_EXTRA_CA_CERTS": "C:\\certs\\ca-root.crt"
      }
    }

    Stolperer drei war fast schon lustig: Nach dem Umbau auf HTTPS meldete der Server einen 404 mit dem freundlichsten Fehlertext des Tages: „Not found. Use /mcp for MCP protocol.“ Beim Umschreiben der URL war schlicht der Pfad /mcp verloren gegangen. Manchmal sagt einem das System wortwörtlich, was fehlt. Man muss es nur lesen.

    Nix mit Klartext: TLS mit Caddy in drei Zeilen

    Bearer-Keys im Klartext durchs LAN? Nein. Als TLS-Terminierung kam Caddy davor, weil der Reverse Proxy dort inklusive eigener Zertifizierungsstelle drei Zeilen braucht:

    https://192.0.2.10 {
        tls internal
        reverse_proxy 127.0.0.1:3000
    }

    Der Klartext-Port wanderte gleichzeitig auf Loopback (127.0.0.1:3000:8080 im Compose), aus dem Netz ist nur noch Port 443 erreichbar. Zwei Fallen auf der Zielgeraden: Die Root-CA von Caddy liegt in einem versteckten Verzeichnis (.local, ein normales ls zeigt nichts, und sie entsteht überhaupt erst nach dem ersten TLS-Handshake). Und auf dem Windows-Client hilft der Import in den Windows-Zertifikatsspeicher exakt gar nichts, weil Node ihn ignoriert. Node will NODE_EXTRA_CA_CERTS mit dem Pfad zur Datei. Wer die Datei dann noch per PowerShell-Umleitung kopiert, bekommt UTF-16 und einen kryptischen OpenSSL-Fehler obendrauf. scp nehmen, fertig.

    Learnings

    • „Funktioniert“ und „ist sicher“ sind zwei Baustellen. Ein MCP-Endpoint ohne Client-Auth ist im LAN ein offenes Scheunentor mit SAP-Entwicklerrechten dahinter.
    • Zwei Auth-Hops sind der Schlüssel: persönliche Keys zum Gateway, technischer User zum SAP. Credentials gehören auf den Server, nicht auf Laptops.
    • docker compose config vor jedem Neustart. Es zeigt die geparste Wahrheit und entlarvt vertippte Ports und doppelte Compose-Dateien in Sekunden.
    • Node ignoriert den Windows-Zertifikatsspeicher. Interne CAs brauchen NODE_EXTRA_CA_CERTS, alles andere ist verschwendete Lebenszeit.
    • Fehlermeldungen wörtlich lesen. Der beste Hinweis des Tages stand im 404-Text des Servers selbst.

    Nächster Ausbauschritt, wenn das Setup wächst: pro Person eine eigene Server-Instanz mit eigenem SAP-User, dann stimmt auch das SAP-eigene Audit-Log auf Personenebene. Aber das ist eine Geschichte für einen eigenen Beitrag.

  • 17 Dollar für zweieinhalb Stunden: was die Messung über unsere Tokenkosten verraten hat (Teil 2)

    In Teil 1 habe ich meine SAP-Chats aufgeräumt: zwei getrennte Profile für Entwicklung und Beratung, ein Kickoff-Block pro Chat, und die Erkenntnis, dass sich „erst Sonnet, bei Bedarf Opus“ bis zu einer Eskalationsquote von 60 Prozent rechnet.

    Blieb die Frage, ob das überhaupt wirkt. Und dahinter die unangenehmere: irgendwann kommen Abrechnungs- und Nachweissituationen, und dann willst du Zahlen haben. Also haben wir gemessen. Was dabei herauskam, hat die schöne Theorie aus Teil 1 gleich mal einsortiert.

    Der Einstieg kostet null Aufwand

    Beide Werkzeuge haben das eingebaut. In Claude Code zeigt /usage den Session-Block mit Input, Output, Cache-Read und Cache-Write je Modell:

    Total cost:            $0.55
    Total duration (API):  6m 20s
    Usage by model:
       claude-sonnet-4-6:  1.2k input, 5.3k output, 940.0k cache read, 50.0k cache write ($0.55)

    Darunter steht auf einem Abo-Plan zusätzlich, welcher Anteil der letzten Nutzung auf Skills, Subagenten, Plugins und einzelne MCP-Server entfiel, plus Warnhinweise wie „langer Kontext“ oder „Cache-Miss“, sobald einer davon zehn Prozent oder mehr ausmacht. Mit d und w schaltest du zwischen 24 Stunden und sieben Tagen um. Wichtig: die Zähler setzen zurück, sobald du den Chat leerst. Eine Session ist also genau das, was zwischen zwei Aufräumaktionen liegt, was praktischerweise exakt zur Regel „ein Thema, ein Chat“ passt.

    In Cowork gibt es dasselbe als Skill: /explain-usage erklärt für die laufende Session, wohin die Tokens geflossen sind, mit kleiner Grafik und in normaler Sprache statt in Zählerkolonnen. Für den Berateralltag ist das der Einstieg, weil dort niemand ein Terminal offen hat.

    Der unterschätzte Befehl

    Interessanter als beide ist aber /insights. Der beantwortet nicht „wie viel“, sondern „warum“. Er wertet die letzten Sessions auf der Maschine aus und schreibt einen HTML-Report:

    ~/.claude/usage-data/report.html      # der aktuelle Lauf
    # dazu eine Kopie mit Zeitstempel je Durchlauf, nichts wird überschrieben

    Ein Lauf nimmt bis zu 200 noch nicht ausgewertete Sessions und überspringt die sehr kurzen. Im Kopf des Reports steht dann so etwas wie 200 sessions (412 total), damit du siehst, was fehlt. Inhaltlich geht es um Arbeitsmuster und Reibungspunkte: wo Anfragen missverstanden wurden, wo Code hinterher nicht lief, wo du dich im Kreis gedreht hast. Genau das sind die Stellen, an denen Tokens verbrennen, ohne dass eine Zahl es dir verrät.

    Kleiner Haken mit Humorwert: der Lauf selbst verbraucht Tokens. Die Kostenanalyse kostet also Geld. Einmal im Monat statt stündlich, und das Ergebnis wegsichern.

    Wenn es genauer sein soll: die Rohdaten

    Die liegen lokal, ein JSONL-Transkript pro Session:

    ls ~/.claude/projects/
    # ein Eintrag je Arbeitsverzeichnis, Slashes werden zu Bindestrichen:
    # /home/dev/kunden/kunde-a  ->  -home-dev-kunden-kunde-a

    Der Dateiname ohne Endung ist die Session-ID. In jeder Antwortzeile steckt ein Usage-Objekt:

    {
      "input_tokens": 2,
      "cache_read_input_tokens": 0,
      "output_tokens": 1417,
      "output_tokens_details": { "thinking_tokens": 528 },
      "cache_creation": {
        "ephemeral_1h_input_tokens": 69202,
        "ephemeral_5m_input_tokens": 0
      }
    }

    Selber parsen musst du das zum Glück nicht. Es gibt ccusage, ein Open-Source-Werkzeug, das genau diese Verzeichnisse liest und ohne Installation läuft:

    npx ccusage session                        # eine Zeile je Session
    npx ccusage session --json                 # maschinenlesbar, mit Session-ID und Kosten
    npx ccusage session --breakdown            # nach Modell aufgeschlüsselt
    npx ccusage session --since 20260801 --until 20260831
    npx ccusage daily                          # Tages- und Monatssummen gibt es auch

    Der Kostenmodus ist wählbar: --mode calculate rechnet aus den Tokenzählern, --mode display zeigt nur vorberechnete Werte. Das Werkzeug ist unabhängig von Anthropic, für den unternehmensweiten Einsatz solltest du also selbst draufschauen, bevor du es allen ausrollst.

    Uns hat am Ende ein eigenes Python-Skript besser gepasst, weil wir eine Spalte mehr brauchten: das Arbeitsverzeichnis als Mandatszuordnung, damit die CSV direkt zum Projekt passt. Und das war auch der Moment, in dem die Zahlen unbequem wurden.

    Der Befund

    Eine ganz normale Arbeitssession, großes Modell, 69 Turns, gut zweieinhalb Stunden:

    TokenartMengeKostenanteil
    Input, ungecacht138ca. 0 $
    Output99.3672,48 $
    Cache-Read5,88 Mio.2,94 $
    Cache-Write (1 Std.)1,19 Mio.11,94 $
    Summe7,18 Mio.17,37 $

    Der klassische Input: 138 Tokens. Einhundertachtunddreißig. Praktisch bedeutungslos. Zwei Drittel der Kosten entstehen beim Cache-Schreiben.

    Das ergibt Sinn, wenn man die Multiplikatoren kennt. Ein Cache-Treffer kostet nur 0,1 mal Input, das Schreiben in den Cache dagegen 1,25 mal (fünf Minuten Haltbarkeit) oder 2 mal (eine Stunde). Jeder Cache-Miss nach einer längeren Pause schreibt den kompletten Kontext neu. Und weil der ganze Verlauf bei jedem Turn erneut mitgeht, wachsen die Inputkosten quadratisch mit der Turn-Zahl: ein Chat mit 40 Turns kostet grob das Vierfache von vier Chats mit je zehn.

    Damit hat sich unsere Prioritätenliste aus Teil 1 gedreht. Sessionhygiene schlägt Modellwahl. Ein Thema, ein Chat, dazwischen konsequent aufräumen: das ist der Hebel, der nichts kostet außer einer Gewohnheit, und er wirkt stärker als jeder Preisunterschied zwischen den Modellen. Die 60-Prozent-Regel bleibt richtig, sie ist nur nicht Platz eins.

    Irrweg: die Dollarzahl ist keine Rechnung

    Weil die Abrechnungsfrage der eigentliche Anlass war, haben wir weitergefragt. Und da liegt eine Falle, die man besser vor dem ersten Kundengespräch kennt.

    Der Betrag, den die Werkzeuge anzeigen, ist auf einem Abo-Plan eine lokal berechnete Schätzung zu Listenpreisen. Sie kennt weder eure Konditionen noch Rabatte, stammt nur von dieser einen Maschine, und als Rechnungsposten existiert sie schlicht nicht: das Kontingent hängt am Sitzplatz, nicht an der Session. Als Steuerungsgröße taugt sie, als Beleg nicht. Wer echte Belege braucht, muss auf API-Nutzung mit einem eigenen Bereich je Kunde wechseln, und zahlt dann pro Token statt pauschal.

    Irrweg: die Daten sind nach 30 Tagen weg

    Die Sache, die uns fast durchgerutscht wäre: die Transkripte werden nach 30 Tagen automatisch gelöscht. Standardwert, unspektakulär dokumentiert, brutal in der Wirkung. Wer im Quartalsgespräch nach Belegen sucht, findet ein leeres Verzeichnis. Wenn diese Daten eure Nachweisgrundlage werden sollen, braucht ihr einen monatlichen Export, bevor die Rohdaten verfallen. Ein Cronjob am Monatsanfang reicht.

    Zweiter Punkt, im Kundenkontext ernst zu nehmen: die Transkripte sind Klartext und unverschlüsselt. Alles, was durch ein Werkzeug lief, steht darin, inklusive Dateiinhalten und Kommandoausgaben. Das gehört vorher durch Betriebsvereinbarung und Vertraulichkeitsprüfung, nicht hinterher.

    Und dann die unbequeme Frage

    Am Ende stand die Rechnung, die ich eigentlich zuerst hätten machen sollen. Als Größenordnung werden rund 150 bis 250 Dollar pro Entwickler und Monat genannt. Gegen einen Beratertagessatz ist das der Gegenwert von etwa einer Stunde.

    Für einen Betrag in dieser Größe eine sessiongenaue Einzelabrechnung aufzubauen, ist ökonomischer Unfug. Ein Pauschalzuschlag ist billiger in der Erstellung und deutlich weniger angreifbar als eine Schätzung, die sich als Rechnung ausgibt. Die Messung brauche ich trotzdem, aber zum Steuern, nicht zum Abrechnen.

    Learnings

    • Drei Befehle, drei Fragen. /usage und /explain-usage sagen dir, wie viel. /insights sagt dir, warum. Skripte brauchst du erst, wenn du auf Mandate umlegen willst.
    • Cache-Write ist der größte Einzelposten. In unserer Messung zwei Drittel der Kosten. Der klassische Input ist Rauschen.
    • Sessionhygiene vor Modellwahl. Der Kontext wächst quadratisch, das schlägt jeden Preisunterschied zwischen den Modellen.
    • Die angezeigte Zahl ist eine Schätzung, keine Rechnung. Auf einem Abo-Plan gibt es keinen Rechnungsposten pro Session.
    • 30 Tage Aufbewahrung. Wer Nachweise braucht, exportiert monatlich, sonst ist die Grundlage weg, bevor jemand danach fragt.
    • Erst prüfen, ob sich der Nachweisaufwand lohnt. Manchmal ist die richtige Antwort auf „wie rechnen wir das ab“ schlicht: gar nicht einzeln.
  • Immer Fable, immer volle Kanne: zwei Profile und eine Rechnung, die uns überrascht hat (Teil 1)

    Im SAP-Umfeld gibt es bei eigentlich nur zwei Modi. Entweder ich entwickle und mache technische Analysen (ABAP Cloud, RAP, CDS, ab und zu BTP), oder ich bin als Berater quer durch den Modulgarten unterwegs, heute FI, morgen MM, übermorgen die Frage, warum die Kontenfindung anders bucht als gedacht.

    In beiden Fällen bin ich bisher gleich vorgegangen: Chat auf, größtes Modell, drauflos. Ohne Persona, ohne Vorgaben, ohne alles. Das ist wunderbar bequem und produziert erstaunlich lange Wartezeiten. Irgendwann kam die Frage, ob das eigentlich sein muss.

    Irrweg Nummer eins: ein Profil für beides

    Der erste Reflex war, eine einzige gute Persona zu bauen, die beide Rollen abdeckt. Also so etwas wie „du bist SAP-Experte für Entwicklung und Beratung, richte dich danach, was ich gerade brauche“.

    Funktioniert schlecht. Ein solcher Vorspann muss beide Welten beschreiben, und du schleppst in jedem Entwicklungs-Chat die Beratungsanweisungen mit und umgekehrt. Schlimmer noch: das Modell muss in jedem Turn selbst entscheiden, in welchem Modus es gerade ist, und liegt dabei zuverlässig manchmal daneben. Antworten in der falschen Flughöhe waren bei uns ohnehin das häufigste Ärgernis, eine Umschalt-Persona macht das nicht besser.

    Die Lösung war unspektakulär: zwei getrennte Projekte, eins für Entwicklung, eins für Beratung, jeweils mit einer festen Persona in den Instructions. Kein Umschalten, kein Ballast.

    Was in so eine Persona gehört

    Die Entwickler-Variante regelt vier Dinge: Rolle und Haltung (Clean Core, Erweiterung vor Modifikation), die Antwortstruktur (Einordnung, Lösung, Transport- und Upgradefolgen), die Arbeitsweise (nur geänderte Codeabschnitte zeigen, bei Fehlern erst Hypothese plus einen Prüfschritt in ST22 oder ST05, unsichere technische Namen als „zu verifizieren in ADT“ markieren statt zu raten) und ein Ausgabebudget.

    Die Berater-Variante sieht anders aus, weil die Arbeit anders aussieht. Dort ist die Antwortstruktur: Prozesskontext, Standardweg im Sinne von Fit-to-Standard, konkreter Customizing-Pfad, Delta und Aufwand, offene Punkte für den Kunden. Dazu die Anweisung, die modulübergreifende Wirkung immer mitzuprüfen, also Bewertungsklasse und Kontenfindung von MM nach FI, Erlöskontenfindung von SD nach FI, die Ergebnisrechnung in CO-PA.

    Ein Detail, das mehr gebracht hat als erwartet: die Anweisung, unsichere technische Namen zu kennzeichnen, statt plausibel klingende zu erfinden. Ein erfundener BAdI-Name kostet dich zwanzig Minuten im System, bis du merkst, dass es ihn nicht gibt.

    Der Kickoff-Block

    Pro Chat kommt ein sechszeiliger Block obendrauf, ausgefüllt in etwa 30 Sekunden:

    ROLLE:   SAP-Entwickler, Schwerpunkt RAP
    SYSTEM:  S/4HANA 2023 On-Prem, Developer Extensibility
    ZIEL:    Determination ergänzen, die bei Anlage die Kostenstelle ableitet
    GEGEBEN: BDEF, CDS View, Handler-Klasse (angehängt)
    NICHT:   Draft-Handling, UI, Berechtigungen
    OUTPUT:  Diff plus drei ABAP-Unit-Testfälle, max. 80 Zeilen

    Für die Beratungsseite hat der Block zwei andere Zeilen, die den Unterschied machen: ADRESSAT (Fachbereich, IT oder Lenkungskreis) und ANNAHMEN (was das Modell ungefragt voraussetzen darf). Das erste steuert Ton und Tiefe und erspart die Runde „bitte nochmal für den Lenkungskreis“, das zweite ersetzt die Rückfrageschleife.

    Die wirksamsten Zeilen sind aber in beiden Fällen NICHT und OUTPUT. Die erste verhindert ungefragte Zusatzarbeit, die zweite deckelt die Ausgabeseite. Zusammen etwa 60 Tokens Aufwand.

    Irrweg Nummer zwei: „Sonnet lohnt sich nicht, weil ich es dann zweimal mache“

    Dann die Modellfrage. Die Listenpreise pro Million Tokens sehen so aus:

    ModellInputOutput
    Opus 55 $25 $
    Sonnet 52 $10 $
    Haiku 4.51 $5 $

    Das Verhältnis ist auf beiden Seiten gleich: Opus kostet das 2,5-fache von Sonnet und das 5-fache von Haiku. Wer grundsätzlich das größte Modell fährt, zahlt für jede Formatierungsaufgabe den fünffachen Preis.

    Der Einwand kam sofort, und zwar von mir selbst: wenn Sonnet nicht reicht, mache ich die Arbeit zweimal, und dann war nichts gespart. Klingt plausibel, hält aber der Rechnung nicht stand.

    Bei „Sonnet zuerst, bei Bedarf Eskalation auf Opus“ kostet eine Aufgabe 1 + p × 2,5 Einheiten, wobei p der Anteil der eskalierten Fälle ist. „Immer Opus“ kostet 2,5. Gleichstand liegt bei p = 0,6.

    Solange also weniger als 60 Prozent der Aufgaben hochgestuft werden müssen, ist Sonnet zuerst billiger, und zwar selbst dann, wenn die Eskalation die komplette Arbeit wiederholt. Im SAP-Alltag liegt der Wert deutlich darunter, weil der Großteil nachschlagen, formulieren oder nach klarer Spec umsetzen ist. Was tatsächlich sofort auf das große Modell gehört: modulübergreifende Konzeptarbeit, Root-Cause-Analyse ohne klare Fehlermeldung, Migrations- und Architekturentscheidungen. Also alles, wo ein Fehler später Tage kostet.

    Und was ich bewusst nicht optimiert habe

    Der naheliegende nächste Gedanke war, die Persona möglichst knapp zu halten, um Tokens zu sparen. Das ist Unsinn, und zwar aus einem Grund, der uns erst später richtig klar wurde: stabile Vorspänne werden gecacht und dabei mit einem Zehntel des normalen Preises abgerechnet. Eine gut ausformulierte Persona kostet praktisch nichts, solange du sie nicht ständig umschreibst.

    Genau das ist übrigens die häufigste Selbstsabotage: Instructions mitten in einer Arbeitssitzung nachschärfen. Jede Änderung wirft den Cache weg. Sammle die Änderungen und zieh sie gebündelt nach.

    Learnings

    • Zwei Rollen, zwei Projekte. Eine Umschalt-Persona schleppt in jedem Chat die jeweils andere Hälfte mit und rät trotzdem gelegentlich falsch.
    • NICHT und OUTPUT sind die wirksamsten Zeilen im Prompt. Sie kosten 60 Tokens und sparen Nachfragerunden.
    • Sonnet zuerst rechnet sich bis zu 60 Prozent Eskalationsquote. Selbst wenn die Eskalation die ganze Arbeit wiederholt.
    • Unsichere technische Namen kennzeichnen lassen. Ein erfundener BAdI kostet mehr Zeit als jeder Tokenpreis.
    • An der Persona zu sparen ist die falsche Baustelle. Sie ist gecacht und damit fast gratis.

    Damit war ich zufrieden. Bis ich angefangen haben zu messen, wo die Tokens tatsächlich hingehen. Das Ergebnis hat meine Prioritätenliste umgeworfen, und die Modellwahl war plötzlich nicht mehr der Hauptschuldige. Darum geht es in Teil 2.